Foto: Ludwig Schuster

Geschichtsstunde zu 70 Jahren Junge Presse Berlin

Über die Gründungsjahre und aktuelle Herausforderungen eines Berliner Vereins: Im Rahmen der Jubiläumsfeier der Jungen Presse Berlin hatte ich die Ehre, meinem nun 70-jährigen Lieblingsverband eine kleine Rede zu widmen.

Aufgrund zahlreicher Nachfragen möchte ich die komplette Skriptum hier noch einmal veröffentlichen – mit besonderem Dank an Constanze Fertig für die Schönheitskorrekturen.


Liebe Freundinnen und Freunde, lieber Unterstützerinnen und Unterstützer, liebe Anwesenden,

allein dass wir heute in größerer Zahl hier zusammenkommen, zeigt, dass es um einen Verein geht, der in der Biografie vieler von uns eine wichtige Station war und sich in der Junge Presse Berlin, deren 70 Jahre wird heute hier feiern, ganz viele Wege kreuzten.

Ich möchte deshalb an dieser Stelle schon einmal allen danken, die mitgeholfen haben, diese Feier möglich zu machen. Vielen Dank auch an den Mauersegler, der uns  einen Ort zur Verfügung stellt, der passender auch gar nicht sein könnte – hier,  ziemlich genau auf dem ehemaligen Todesstreifen,  können wir – neben einer hippen Nachbarschaft – auch die Geschichte dieser Stadt förmlich atmen. Wenn man so will, ist  auch die Junge Presse Berlin ein Stück Zeitgeschichte, das unverkennbar für diese Stadt steht.

Wo ich gerade die Berliner Teilung erwähnt habe: Wie eine Schülerzeitungsstudie [1] im Jahr 1968 ergeben hat, gehörte zur damaligen Zeit neben den „Forderungen der Studenten“, „Rechtsextremismus“ und „Kriegsdienstverweigerung“ die Themen „Berlin“ und – sehr bemerkenswert – die „Wiedervereinigung Deutschlands“ zu den Top-10-Themen, mit denen sich Schülerinnen und Schüler in ihren Zeitungen auseinandersetzten. Das ist ein wunderbares Beispiel dafür, dass es sich bei großen Zukunftsfragen lohnt, sich mit dem auseinanderzusetzen, womit sich Schülerinnen und Schüler in ihren Medien befassen.

Die praktische Unterstützung eben  dieser Zeitungen, der Austausch, der Kampf gegen Zensur und der Einsatz für Presse- und Meinungsfreiheit, aber auch die technische Unterstützung von jungen Menschen bei der Mediengestaltung sind Themen, die bis heute Teil der Arbeit der Jungen Presse Berlin geblieben sind – wenn auch unterschiedlich und in Konjunkturen, Formen und Mitteln.

Wie hat alles angefangen? Lasst mich noch ein paar Worte zu unserer Vereinsgeschichte verlieren, oder besser gesagt Geschichten. Denn wenn wir über die Junge Presse Berlin sprechen, werden wir feststellen, dass die Organisation –  so wie die ganze Stadt – zahlreiche Brüche, Entwürfe und Wandlungen durchlebt hat, dass es überaus schwer fällt, von der Jungen Presse Berlin zu sprechen.

Es beginnt schon mit der Frage der Gründung und unseres Gründungsjahrs: 1947 kam es zunächst zu einer Gründung einer Arbeitsgemeinschaft von Schülerzeitungsredaktionen. Kurz nach der Währungsreform im Jahr 1948 wurde daraus der „Ring Berliner Schülerzeitungen“. Hilfestellung gab Hermann Schneider, der damalige Leiter des RIAS-Schulfunks, der auch eine ganze Reihe anderer Initiativen zur Demokratisierung der Jugend unterstützte– ein Schlagwort jener Zeit nach dem Kriege -.

Von Hermann Schneider stammt auch der Begriff der „jugendeigenen Zeitung“, zu der er auch eine Begriffsdefinition lieferte:

„Als jugendeigene Zeitung werden ausschließlich solche verstanden, die von Jugendlichen in eigenem Verantwortungsbewußtsein gestaltet und veröffentlicht werden und für deren Lebenskreis sie bestimmt sind, aus der sie hervorgehen“. [2] 

Würden wir diese Definition auch heute verwenden? Ich plädiere für ein klares: Ja! Nach meinem Verständnis ergibt sich hieraus das elementare Anliegen unseres Vereins, nämlich dass wir versuchen, junge Menschen bei ihrem Medienschaffen zu unterstützen. Ihrem im Sinne von eigenständig, selbstbewusst, unabhängig und natürlich so, wie es für ihre Generation authentisch ist: jung, frisch und auch mit einer guten Portion Frechheit.

Übrigens ist die Junge Presse Berlin nicht die erste Zusammenkunft von Schülerzeitungsredaktionen: In Hessen schlossen sich schon im Jahr 1946 Redaktionen zusammen; 1949 gründeten sie formell einen Verband ebenso wie in Bayern mit der „Arbeitsgemeinschaft Münchner Schülerzeitungen“. Schon Anfang der 50er Jahre gab es auch schon erste Bestrebungen, eine bundesweite Arbeitsgemeinschaft zu gründen. Das gelang dann im Jahr 1952 mit der Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Junge Presse.

Infolge bildeten sich auch in den anderen Ländern Arbeitsgemeinschaften jugendeigener Medien unter dem Dach der BAG, dem Vorläufer der heutigen Jugendpresse Deutschland. In dem gleichen Jahr erhielt unser Verein auch den Namen, den er bis heute trägt (wer also unsere 70 Jahre anzweifelt, den können wir hiermit auch offiziell ein 65-jähriges Jubiläum anbieten).

Es war zu jener Zeit üblich, dass Schülerzeitungsredaktionen fast zwangsläufig Mitglied der LAGs waren. In Berlin (West) gab es im Jahr 1954 waren 24 Schülerzeitungen Mitglied; diese Zahl wuchs kontinuierlich an: Im Jahr 1966 gab es schon 79 Zeitungen unter dem Dach der Jungen Presse Berlin [1]. Damit gewann auch unser Organisationsnetzwerk an Gewicht.

Doch wurde nach der Gründungszeit eine endlose Erfolgsgeschichte der Jungen Presse im Bund fortgeschrieben? Nein. Schon Ende der 60er wurde die BAG wieder aufgelöst. Die Gründe waren vor allem technisch-organisatorischer Natur, aber auch Kompetenzstreitigkeiten zwischen den LAGs und der BAG. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass manche Herausforderungen der heutigen Jugendpresse Deutschland und ihren Landesverbänden kein neues Phänomen sind.

Aber wie ging es weiter mit der Jungen Presse Berlin? Ich muss leider euch leider sagen: Wir wissen es nicht! Noch ist uns unsere eigene Geschichte in großen Teilen unbekannt. Auch aus diesem Grund ist das heute ein großartiger Anlass, in Erfahrung zu bringen, was die Generationen vor uns angestoßen haben. Unsere Gesprächsrunde im Anschluss bietet  dazu Gelegenheit.

Nun will ich natürlich noch einmal über die Junge Presse Berlin heute sprechen: Wie eh und je gibt es im Verein Höhen und Tiefen. Momentan haben befinden wir uns in schwierigem Fahrwasser: Unsere rege Aktivenbasis, die wir noch vor einigen Jahren hatten, ist uns ein Stück weit verloren gegangen.

Natürlich müssen wir uns auch die Frage stellen, ob wir noch der Verband sind, der wir eigentlich sein wollen? Eines ist klar: Wir sind schon lange nicht mehr der Schülerzeitungsverband von einst; wie in anderen Vereinen unserer Art hat in den vergangen Jahrzehnten auch bei uns eine gewisse Entgrenzung der Jugendphase stattgefunden (ich schließe mich als Beispiel dafür gern mit ein).

Wir müssen uns fragen, ob wir mit unseren Angeboten noch die Leute erreichen, die wir erreichen wollen und wie gut wir sie auch tatsächlich erreichen. Hier wird deutlich, dass es zusehends schwerer fällt, an Schülerinnen und Schüler heranzutreten, sind sie doch bis in den Abend hinein in der Schule gebunden und haben oft keine Zeit und Möglichkeit, an Treffen unseres Vereins teilzunehmen. Dazu kommt das ohnehin große Angebot, welches diese Stadt jungen Menschen bietet – vor allem jenen, die sich gesellschaftlich wie politisch einbringen wollen.

Gleichzeitig hat meinem persönlichen Eindruck nach auch die Bereitschaft abgenommen, sich ehrenamtlich in einer Organisation wie der Jungen Presse Berlin zu engagieren, wohlwissend, dass nicht alle Aufgaben in der Vereinsarbeit besonders sexy sind – nicht für die eigene Freizeitgestaltung und nicht für den Lebenslauf, der für viele junge Menschen sehr viel wichtiger geworden zu sein scheint.

Ja, vielleicht ist auch der Verein, so wie wir ihn kennen, nicht mehr das Modell, welches zu dieser schnelllebigen Zeit passt. Junge Menschen, die Hilfe brauchen oder Unterstützer suchen für ihre Projekte, nutzen vielfältige Formate, die auch immer mehr im digitalen Raum stattfinden.

Wir müssen uns deshalb fragen, wie wir unsere Angebote künftig gestalten, wenn der Verein weiterhin ein aktiver, wichtiger Akteur zur Förderung einer jungen, demokratischen Medienkultur sein möchte.

Müssen wir uns weiter professionalisieren – personell und finanziell – oder setzen wir damit den authentischen Charakter unseres Netzwerks auf Spiel? Reichen unsere Mittel, um aktiv vor Ort – insbesondere den Schulen – präsent zu sein? Sind unsere Angebote auch im Zeitalter der Digitalisierung und des Medienwandels spannend? Birgt der Geist der Jungen Presse Berlin, den wir heute feiern, auch die Zukunftschancen, um weiterhin eine relevante Adresse für Engagement und Selbstverwirklichung in den Medien zu sein? Das sind nur einige Fragen, die sich die Junge Presse Berlin stellen muss – besonders all jene, die in der kommenden Zeit den Verein zur ihrem Projekt machen wollen.

Bei allen Sorgenfalten – und ich hoffe, dass dieses Jubiläum der neuen Generation auch Mut macht – will ich überhaupt nicht vergessen, was wir in den vergangenen fünf Jahren seit unserer letzten Jubiläumsfeier geschafft haben: Die Liste an Projekten, Workshops, Diskussionsforen, Treffen oder den wackeren Stunden im Büro sind ungezählt. Die über einhundert Fotos, die wir hier heute hier im Raum angebracht haben, zeigen nur einen kleinen Eindruck von dem, was dieser Verein vielen jungen Menschen geboten und bedeutet hat.

Deshalb möchte ich an dieser Stelle den besonders Aktiven der vergangenen fünf Jahre ganz persönlich und im Namen unserer alten Dame danken, auch auf die unvermeidliche Gefahr hin, dass ich sicher einige von ihnen vergesse:

Robert Waniek, Bernd Fiedler, Miriam Mogge, Jonas von Rüden, Carolin Makus, Constanze Fertig, Konstantin Gülden, Vanessa Ly, Patrick Grünhag, Keno Budde, Stefani Moreno-Mammel, Sharon Maple, Ilja Wehrenfennig, Sophia Förtsch, Nick Jaussi, Johann Stephanowitz, Kundry Rymon, Felix Dorn, Daniel Rottinger, Ludwig Schuster, Felix Walter, Anupma Puni, Johanna Kleibl, Oskar Vitlif, Henry Laurisch, Laurin Berresheim, Jasmin Bartels, Amelie Maier, Lucas Graff, Leonard Kehnscherper, Lena Skrotzki, Josefa Kny, Benjamin Richter, Lea Lölhöffel, Johannes Fähmel, Anita Edenhofner, Anne Brauer, Luisa Meyer, Erik Nürnberg, Benny Ullrich, Fanny Steier u.v.m.

Danke!

Uns heute hier wünsche ich noch eine schöne Feier!

 

[1] Hintz, Jan-Peter/ Lange, Detlef: Schüler und ihre Presse. Verlag Junge Presse Berlin e.V., Berlin 1969.

[2] Bartels, Hans-Peter: Geschichte eines jugendeigenen Verbandes 1952-1972 (Texte zur politischen Theorie und Praxis). SP-Verlag Norbert Schüren, Marburg 1987.

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